Theater als Schulfach – Schule und Theater

„Ja ich behaupte darum, dass das Theaterspiel eines der machtvollsten Bildungsmittel ist, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht.“

(Hartmut von Hentig: Bildung. München 1996)


Das Theater ist kein Klassenzimmer.
(Peter Brook: Der leere Raum. Berlin 1983)

 

Ob „Hassliebe“ (W. Schneider) oder „eheähnliche Gemeinschaft ohne Trauschein“ (M. Küster), die Beziehung zwischen Schule und Theater ist für beide Seiten problematisch: Theaterkünstler fürchten sich vor der Funktionalisierung für pädagogische Zwecke und wünschen sich aber doch ein von der Schule mit Kunstverstand und -Interesse ausgestattetes Publikum; die Schulen nutzen die kulturellen Angebote der Theater in wohldosierter Form, soweit sie denn lehrplankonform sind, und scheuen doch die soziale Sprengkraft kreativer Prozesse für einen von Lernkontrollen und strengem Zeittakt geprägten Unterricht.

Mit der Einführung des Schulfaches Darstellendes Spiel / Theater hat sich die Konfliktlage aus der Sicht der Theaterpädagogen zugespitzt: für sie steht die grundsätzliche Frage nach der Kompatibilität von ästhetischen Lernprozessen und kultureller Bildung mit einem selektiven und leistungsorientierten Schulsystem zur Diskussion. Schulisches Lernen als staatlich verordnete Pflichtveranstaltung mit undemokratischen Machtstrukturen, einem defizitären Blick auf die Lernenden durch die Notenbrille sowie der Einübung von Konkurrenzverhalten und einer primär kognitiven Wissensvermittlung gilt in dieser Perspektive für künstlerische Lernprozesse als vermintes Gelände. Kann das Fach Theater sich in diesem Kontext seine Andersartigkeit bewahren, kann es vielleicht sogar zur Transformation der verkrusteten Institution Schule beitragen?

„Das deutsche Schulsystem ist durch die Künste nicht reformierbar, aber die Künste sind aufgerufen, zu seiner radikalen Veränderung beizutragen….Wir können Schulen nicht den SchulexpertInnen überlassen. …Nur über die Ästhetik“ können wir die Schule verändern, so die Position von Adrienne Goehler, ehemals Kultursenatorin und jetzt Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, in einer Diskussion de dramaturgischen Gesellschaft über „Die Kunst der Vermittlung. Chancen und Risiken für das Theater“. Demgegenüber warnt Klaus Zehelein, Präsident des deutschen Bühnenvereins, davor, „zu glauben, die Schule verändern zu können durch das, was ästhetische Bildung heißt.“ 3.

Dass Theater in der Schule nicht „die Fortsetzung des Unterrichts mit anderen Mitteln“ (Christel Hoffmann) sein darf und dass Schüler sich für Theater zu begeistern lernen, wenn die Institution sich nicht als einschüchternder Musentempel, zeigen Kooperationsmodelle

wie die TuSch-Projekte, die feste Partnerschaften zwischen einem Theater und einer Schule für zwei Jahre stiftet, oder die „Winterakademie“ des Theaters an der Parkaue in Berlin, die Schüplker ästhetisches Forschen in Kleingruppen ermöglicht, bei dem sie von einem Künstler begleitet werden.

 

Entschulung als Chance für Schule und Theater

Theater als eine auf das Spiel gegründete künstlerische Praxis und Schule als eine um den Unterricht organisierte Lehr- und Lernpraxis können nur dann sinnvoll kooperieren, wenn beide Institutionen das als Chance begreifen, ihre spezifischen Strukturen zu transformieren und sich – zumindest vorübergehend – als Systeme zu verflüssigen (A. Goehler). Grundprinzipien der kulturellen Bildung müssen also offensiv in die Schule eingebracht werden, ohne sich von den „Krankheiten“ dieses Systems infizieren zu lassen: Selbstbestimmung, ganzheitliches Lernverständnis, Ressourcen- und Stärkenorientierung, angstfreie Feedback-Kultur, flexible Zeitstrukturen jenseits des Stunden- und Wochenplans. Das Theater als eine „moralische“ und von disziplinierenden Ritualen geprägte „Anstalt“, die Kunstvermittlung oft genug nur affirmativ, als Zustimmung zu einem gegebenen ästhetischen Kanon begreift, muss sich ebenfalls eine Entschulung gefallen lassen. Dabei geht es nicht nur um einen altersgerechten Spielplan besonders auch für die Schüler der Orientierungs- und Sekundarstufe I. Genauso wichtig ist die Öffnung für neue partizipative Konzepte des Theatermachens und neue dekonstruktive und transformative Formen4 einer Vermittlungsarbeit, die das Theater in sein soziales und politisches Umfeld hinein öffnen.

 

Theater als Schulfach

Die Etablierung eines Schulfaches „Theater“ in zahlreichen Bundesländern (auch als „Darstellendes Spiel“ oder „Darstellen und Gestalten“) trägt entscheidend dazu bei, dass die Kunstform „Theater“ sich als elementarer Bestandteil der kulturellen Bildung an Schulen durchsetzt. Es ist Aufgabe des BuT, diese Prozesse zu unterstützen – in allen Bundesländern und in allen Schulstufen und –formen. Von einer Gleichstellung mit den anderen Fächern ist das Fach Theater DS nach wie vor weit entfernt.

Dabei ist insbesondere die Vernachlässigung der ästhetischen Unterrichtsangebote diesseits der Sekundarstufe II, insbesondere in den sogenannten Restschulen (Hauptschule, Gemeinschaftsschule, Gesamtschule) zu überwinden. Bei den Bundeswettbewerben wie „Schultheater der Länder“ und Theatertreffen der Jugend“ sind die Schüler der höheren Klassen des Gymnasiums nach wie vor in eklatanter Weise überrepräsentiert. Jedem Schüler und jeder Schülerin muss in jeder Schulform und jeder Schulstufe die Möglichkeit gegeben werden, mindestens ein Jahr im Fach „Theater“ künstlerisch aktiv zu sein.

Über Theater lernt man am meisten, indem man es in szenischer Projektarbeit selbst macht. Produktionsorientierte Theaterarbeit von der Recherche über die Probenarbeit bis zur Realisierung einer Aufführung ermöglicht eine Vielzahl sozialer und künstlerischer

Lernprozesse, erfordert aber auch die entsprechende Ausstattung mit räumlichen und zeitlichen Ressourcen. Theater spielen und Theater sehen gehören aber zusammen. Theaterunterricht an der Schule kommt nicht aus ohne eine systematische und altersgerechte Begegnung mit der professionellen zeitgenössischen Theaterkunst.

 

Theater in der Lehrerausbildung

Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass das Fach Theater von hoch qualifizierten Lehrkräften vermittelt wird. So wie es undenkbar wäre, die Lehrbefähigung im Fach Musik , Kunst oder Physik durch unterschiedlichste Weiterbildungsseminare zu erlangen, so verhält es sich auch mit dem Fach Theater. Der Bundesverband Theaterpädagogik tritt dafür ein, dass sich auch die Ausbildung von Theaterlehrern an den Qualitätsstandards orientieren muss, die in den Rahmenrichtlinien des BuT vorliegen. Theaterpädagogen – Ausbildung und die Ausbildung von Theaterlehrern müssten stärker miteinander verzahnt werden. Hier ist ein intensiver Fachaustausch mit dem BVTS, aber auch mit den Kultusministerien der Länder und ihren Lehrerfortbildungsinstituten sowie den Hochschulen, die eine Ausbildung zum Theaterlehrer anbieten, dringend erforderlich. Die Qualifikation und Erfahrung der anerkannten freien Institutionen muss in die Weiterbildungsangebote für Lehrer einfließen. In Bundesländern ohne ausreichende Qualifizierungsmöglichkeit für Theaterlehrer sollte bis zu einer Verbesserung der entsprechenden Erweiterungs- und Weiterbildungsangebote die Arbeit im Fach Darstellendes Spiel/Theater in sog. „Tandems“ erfolgen: Ein theaterpädagogisch nur unzureichend qualifizierter Lehrer arbeitet mit einem voll ausgebildeten Theaterpädagogen zusammen, der Lehrer bringt die schulspezifischen Erfahrungen (mit der Lerngruppe, der Unterrichtsorganisation, dem Schulbetrieb,) ein, der Theaterpädagoge steuert zusätzliche theaterpädagogische Kompetenzen bei.

 

Künstler und Kulturagenten an Schulen

Projekte mit namhaften Theaterkünstlern (Regisseuren, Choreographen, Theatermusikern, Bühnenbildnern etc.), die nicht selten als „Leuchtturmprojekte“ besonders gefördert und gefeiert werden, sind kein Modell für eine sinnvolle Theaterarbeit an Schulen. Ohne theaterpädagogische Einbindung fehlt diesen Projekten die Nachhaltigkeit. Die fehlende Ausbildung der Künstler im Umgang mit alters- und gruppenspezifischen Prozessen kann trotz eines spektakulären Events zu kontraproduktiven Nebenwirkungen führen.

Mit großer Aufmerksamkeit muss auch das von der Mercator-Stiftung und der Bundeskulturstiftung initiierte Projekt der „Kulturagenten für kreative Schulen“ beobachtet werden. So sehr es zu begrüßen ist, dass die Schulen sich in ihr spezifisches kulturelles Umfeld hin öffnen und mit bestehenden lokalen und regionalen Kultureinrichtungen vernetzen, so sehr muss darauf geachtet werden, dass die angestrebte kulturelle Teilhabe der Schülerinnen und Schüler auch im Schulalltag ankommt und nicht doch einen weiteren Versuch darstellt, das Feld der ästhetischen Bildung in den Freizeitbereich zu verlagern.

Autoren: Raimund Finke / Friedhelm Roth-Lange


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